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Japanische Mythen: Wirtschaftswunderland Japan

Was macht man, wenn eine Firma, die mit einem einzigen Spiel mehr als eine halbe Milliarde Euro im Jahr umsetzt, es nicht schafft, Charaktere auf einen Test-Server zu kopieren, und man daher seine frei genommene Zeit anderweitig verbringen muss? Ganz klar, man sinniert über das japanische „Wirtschaftswunder“. (Daher sollte der folgende Text nicht mit der akademischen Brille betrachtet werden…)

Ähnlich wie Deutschland hat ja auch Japan wirtschaftlich ein großes Wunder geschafft und ist von einem Fast-Agrarstadt (zu dem es bombardiert wurde) zur zweitgrößten Wirtschaftsnation geworden. Von 1952 bis 1990 wuchs die japanische Wirtschaft doppelt so schnell wie die anderen kapitalistischen Staaten der OECD. In den 80er Jahren wurde daraus, insbesondere in den USA, eine wahre Japan-Phobie und man fragte sich, ob das „japanische System“ dem „westlichen“ überlegen sei. Hier traten in den USa und in Japan einige der wichtigsten Personen der modernen Japanforschung auf den Plan, deren Werke bis heute richtungweisend sind. Selbst bekannte Manga-Zeichner wie Shintarō Ishinomiri (Japan GmbH) widmeten sich dem Thema.

Jedoch wurde anfangs nur geschaut, wo Japan anders war als der Westen (= USA). Vor allem in populärwissenschaftlich, polemischen Werken wurden lange vermeintlich kulturelle Unterschiede herausgestellt: Gruppengefühl, Sparmentalität, Opferbereitschaft, Samurai-Geist etc. Zunehmend wurde aber das japanische System mit institutionellen Systemen (Chalmers Johnson) erklärt und später sogar mit Gesetzen zu politischen Regimes (T. J. Tempel) oder ökonomischen Entwicklungen (Richard Katz) entmystifiziert. Edward J. Lincoln hat eine schöne Zusammenfassung der Argumente gemacht:

- Langfristige Perspektiven: Es herrschen starke Verbindungen von Unternehmen zu Unternehmen (Keiretsu-Versbindung), zu Banken (Main-Bank-System) und zu Mitarbeitern (lebenslange Beschäftigung, Senioritätsprinzip) mit dem Ziel einer langfristigen Risikominimierung.
- Bankenfinanzierung: Statt Kapital über den launischen Kapital- und Optionenmarkt zu akkumulieren, geschieht die Investitions-Finanzierung und Kontrolle (langfristig) über (feste) Banken.
- Verringerter Wettbewerb: Schutz unterentwickelter Binnenmärkte durch tarifliche und nicht-tarifliche Hindernisse, wie etwa Kartellen und Absprachen.
- Industriepolitik: Administrative Lenkung und Kontrolle der Wirtschaft durch Staatsinvestitionen (goverment financing) und Verwaltungsanweisungen (gyōsei shidō).

Mit derartigen Methoden (die nicht immer erfolgreich waren und nicht auf alle Bereiche zustrafen) konnte Japan in den 50er und 60ern zweistellige Wachstumszahlen erreichen und international konkurrenzfähige Industrien wie Auto oder Elektronik aufbauen. Mit dem Platzen der „Blasenwirtschaft“ (1986-1991) wurde aber deutlich, dass unter der tollen Fassade die Japaner nicht nur mit Wasser gekocht haben, sondern sich auch ziemlich viel Schimmel angesammelt hatte. Und zwar nicht erst während der Blase, sondern schon seit der ersten Ölkrise (1973) und teilweise sogar davor. Der Niedergang war sozusagen in dem System schon vorprogrammiert.

Doch das wird ein andermal behandelt…

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Kommentare

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mitch am :

Ja, wer wird dann da gleich heulen? Ist das Yurie?

fyl am :

ja

mitch am :

Schön, endlich mal ein Madel aus einer Serie, die ich auch kenne ^_^

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