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Japanische Mythen: Die verlorenen Dekade

Die 90er Jahre gelten als die „verlorenen Dekade“ der Japaner, in der nicht nur die wirtschaft, sondern auch alle Nachkriegs-Ideale, an die die Japaner glaubten (i.e. Bürokraten als unfehlbare weiße Ritter, Japan als Wirtschaftssupermacht) unter die Räder gerieten. Kurz: Die Realität holte (endlich) Japan ein.

Für Wirtschaftsinteressierte ist das natürlich nicht nur eine spannende Zeit, in der Phase entstanden zudem auch paar der wichtigsten (fundierten) Literaturen zur japanischen Wirtschaft, nun frei von den Illusionen der 80er, darunter Katz’ „System that Soured“ (1998) oder Tempels „Regime Shift“ (1998). Und dass Japan auch die nächsten Jahre spannend bleiben sollte, hatte Lincoln in „Arthritic Japan“ bereits 2001 prophezeit.

Die wichtigsten Ereignisse dieser Phase:
1988 Recruit-Skandal: Korruption in den höchsten Ebenen von Politik (bis zum Ministerpräsidenten), Bürokratie und Konzerne werden offenbar.
1989 HIV-Skandal: HIV-verseuchtes Blut infiziert tausende Patienten, das Gesundheitsministerium versagt völlig.
1990 Ende der Bubble: Der Nikkei wird in den nächsten Jahren um 60% einbrechen, Japans Wirtschafts-Wachstum auf unter 2% fallen.
1993 Politische Zäsur: Nach erneuten Korruptionsskandalen dreht der mächtige Wirtschaftsverband Keidanren der Regierungspartei LDP den Geldhahn zu, diese verfällt in Fraktionskämpfe und nach 38 Jahren kommt es zu einem Regierungswechsel. Für 21 (chaotische) Monate.
1995 Kobe-Erdbeben: Die japanische Bürokratie versagt völlig (i.e. veranlasst für schweizerische Lawinensuchhunde eine 6-monatige Sicherheits-Quarantäne).
1995 Giftgasanschlag auf Tokyoter U-Bahn: Es war bekannt, dass die AUM-Sekte Waffen und Kampfstoffe im Ausland erwarb (u.a. einen Kampfhubschrauber).
1995 Faule Kredite: Es wird bekannt, dass ein nicht bedeutender Teil der in den 80ern vergebenen Kredite nicht mehr zurück gezahlt werden können. Das Finanzministerium versucht den verlust einer hohen dreistelligen Milliarden-Euro-Summe zu vertuschen, Rating-Firmen stufen Japan in der Kreditwürdigkeit auf das Niveau von Bananen-Staaten und eine jahrelange Deflation beginnt.
1995: Dragonball Z, der erfolgreichste Manga aller Zeiten endet, und damit auch das Wachstum der japanischen Manga-Industrie, von nun an geht es abwärts.
1996: Japan erhält den Zuschlag für die Fußball-WM 2002, …gemeinsam mit Erzfeind Korea.
1997: Asienkrise + Mehrwertsteuererhöhung (von 3 auf 5%) = Japan fällt in eine Rezession.
1997: FF7, das beste Spiel aller Zeiten (^_-), markiert den Höhepunkt der japanischen Videospielindustrie, von nun an geht es auch hier abwärts (bis zur In-Wii-sierung).
1998: Winter-Olympiade in Nagano, große organisatorische und finanzielle Mängel tun sich auf.
1999: Der IT-Aufschwung nährt Hoffnung.
2001: Der große „Big Bang“ erweist sich als leichte Reorganisation des Staatsapparates denn als echte Reform: „tatemae“ > „honne“.
2001: Junichiro „Löwenherz“ Koizumi wird Ministerpräsident.
2001: 911 signalisiert Ende der IT-Blase und eine globale Rezession (Wehrindustrie ausgenommen ;) tritt ein.

Weitere Ereignisse der 90er:
- Großbanken mit „staatlicher Erfolgsgarantie“ gehen unter.
- Japanische Vorzeigeunternehmen wie Nissan oder Mitsubishi werden von ausländischen Firmen übernommen.
- Japanische Großunternehmen setzen in großem Maße „lebenslange“ Festangestellte frei, die Arbeitslosenquote steigt auf über 4%.
- Japanische Staatschulden betragen 140% des BSP, mehr als jedes andere Industrieland, private Schulden machen noch zusätzliche 100% aus.
- Japan ist bei der Verbreitung von PCs, Breitbandverbindungen und Handys Schlusslicht unter den IT-Staaten.
- Der Yen steigt auf bis zu 80Yen/US-$.
- McDonals’s senkt den Preis des Hamburgers um 2 Drittel auf 65 Yen, Yoshinoya führt den 280 Yen-Gyūdon ein.
- Die Japaner wachsen nun in die Höhe UND in die Breite.

Angesichts derartiger Schocks ist es nicht verwunderlich, dass hochgradig per****e und ver******e Personen wie Nankyoku „Pinguin“ Sakura (s. Bild) zu derart erfolgreichen Identifikationsfiguren werden und nun sogar einen eigenen Anime erhalten sollen. Naja, trotzdem „gezätt“…

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