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Tee-Bett

OMG, es wird wieder politisch und es hat auch nix mit Japan zu tun und eigentlich bin ich völlig genervt, dass ich tagtäglich in wissenschaftlichen MLs mit lächerlich polemischen Hetzmails bombardiert werde, aber was ich kürzlich auf Tagesschau.de (eine ansonsten sehr informative Seite) gelesen habe, macht mich doch etwas nachdenklich...

Jeder braucht irgendwo seinen Garten Eden. Für die einen ist es Akihabara, für andere illegale Torrent-Seiten und für wieder andere sind das halt so Sachen wie Tibet. Ein Land, wo einst Milch und Honig floss, und das nun von einem ultradiktatorischen menschenverachtenden Regime ausgebeutet und unterdrückt wird. Was in den letzten Wochen dann passiert ist, sollte ja jeder wissen (und wenn nicht: Zahlreiche Tibeter haben den Aufstand geprobt und wurden natürlich niedergeknüppelt).
So, was war aber das Neue an dem Fall? (Eigentlich ist es nicht neu, aber in dieser Diemansion bisher noch nicht dagewesen.) Kurz: Die chinesische Internet-Gemeinde, die bekanntlich nach politischen Dissidenten die zweitmeist unterdrückte Han-chinesische "Gesellschaftsschicht" in China ist, hat sich (WTF!?) auf die Seite der chinesischen Regierung gestellt!!!11!elf

Etwas, womit die westlichen Medien, die in ihnen bisher immer einen Verbündeten sahen, offenbar nicht gerechnet haben. Und diesmal ist es kein kleiner übersichtlicher Mob, der amerikanische Flaggen verbrennt, sondern eine ganze Menge mehr und auch ganz "normale" Chinesen. OMFG!!! Doch die chinesischen Nutzer (in UND außerhalb Chinas) solidarisieren sich nicht nur mit dem bösen China (soll heißen die KPCh), sie greifen auch die westlichen Medien an und -das Schlimmste- sie haben teilweise sogar Recht!
Wie also reagieren die westlichen/deutschen Medien? Einige geben sich ausgesprochen souverän und selbstreflektierend und andere -womit ich zum Ausgangspunkt komme- zeigen sich ob dieses Dolchstoßes seltsam verstört.

Offenbar hat Tagesschau.de das Problem, dass sich plötzlich zigtausende chinesische Internet-Nutzer gegen sie verschwört haben. Nun, früher stand man dann vor dem Bürogebäude und hat Plakate hochgehalten, heute macht man das eben so (vor allem, wenn man durch die paar Tausend Kilometer Distanz ja eh keine andere Möglichkeiten hat). Es ist unbestritten keine sehr elegante Methode des Protests, aber ist das nicht die freie Meinung dieser Leute? Und ausgerechnet die einstigen Meister des zivilen Ungehorsams regen sich plötzlich auf?

"Dieser Umgang mit journalistischer Berichterstattung und freier Meinungsäußerung zeigt wieder einmal, wie wichtig es ist, dass wir uns kritisch mit China und der Situation dort auseinandersetzen", heißt es dort. Ein schnell dahin geschriebener Satz. Aber wenn man sich die tiefere Bedeutung genau überlegt, wird einem doch mulmig. Selbst wenn die chinesische Regierung (wie auch immer) diese gelenkt haben sollte, kann man nicht abstreiten, dass dort etwas in diesen Menschen brennt, eine gewisse Einstellung zu diesem Thema. Eine MEINUNG! Es ist also, egal wie unangenehm sie auch ist bzw. ausgedrückt wird, eine geäußerte Meinung dieser Menschen, zu der sie NICHT gezwungen wurden.

In dem Artikel wird aber genau das plötzlich umgekehrt und ihnen eine solche abgesprochen. Sie werden also entmündigt. Mal davon abgesehen dass damit die ganzen Demokratie-Forderungen ad absurdum geführt werden, denn eine Demokratie ohne mündige Bürger kann nicht funktionieren, scheint der Herr Jörg Sadrozinski selbst bestimmen zu wollen, wann etwas eine freie Meinung ist. Eine freie Meinung wird offenbar nur denen anerkannt, die einem zustimmen.
Leider ist eine solche selbstherrliche Meinung, die keine Gegenmeinung zulässt, nicht nur in der deutschen Presse weit verbreitet. Von Pluralismus also keine Spur.
Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich viele Chinesen in das 168 Jahre alte Trauma imperialistischer Willkür zurück versetzt fühlen. Und das sind nicht nur Kader und VBA-Angehörige, sondern auch aufgeklärte und weltgewandte Chinesen im Ausland. Hm, aber waren das nicht eh alles böse Wirtschaftsspione?
Merken die ach so allwissenden Medien nicht, dass sie mit ihrer einseitigen Berichterstattung die chinesische Regierung politisch nur stärkt? Der durch Olympia geweckte Patriotismus ist jetzt jedenfalls in Nationalismus umgeschlagen...

Eine gute Analyse des Problems hat Antje Vollmer (Die Grünen) in der SZ veröffentlicht und ein guter Artikel von Thomas Heberer (Uni Duisburg) zum Tibet-Problem findet sich in der TAZ.


P.S.
Der Titel kommt daher, dass in der oben genannten Liste anfangs aus Rücksicht vor den in China weilenden Kommilitonen Synonyme für verfängliche Wörter benutzt wurden, bis diese mitteilten, dass das völlig unnötig ist und es auch kein Problem sei, auf westliche Webseiten zuzugreifen.

P.P.S.
Es ist einfach zu lolig: "China kennt verschiedene Formen der Internetzensur". Ach, das ist jetzt eine Überraschung. Ich kenne übrigens auch ein paar, bin ich daher jetzt böse? (=> kennen != ausüben). Und ein Koreanistiker, der noch nie in China war und kein Chinesisch kann, als China-Experte? ... fail.

P.P.P.S.
Hm, ja als Sicherheitsmaßnahme gegen die Befangenheits-Karte, familiär stehe ich der alten Kronkolonie Hongkong und der ehemaligen Republik China (aka Taiwan) nahe, hege keinerlei Sympathie mit der KPCh und finde diese ganze Patriotismus-Sache zum Erbrechen. (Und BTW fast fertiger Sinologe ;)

P.P.P.P.S.
Das Bild kommt morgen... -.- (müde) OMG, woher kommt bloß dieser riesige sinnlose Text her???

Update: Da isses, chinesische Charas ftw. xD (Ich merk gerade, dass die Mütze fehlt...)

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Kommentare

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Jan am :

Es heißt deswegen "Medium", weil das, was berichtet wird, weder roh und unverfälscht, noch gut durch ist.

China hat vor allem ein Selbstdarstelltungsproblem. Wer zensiert, hat was zu verbergen. Wenn die chinesische Regierung meint, sich korrekt zu verhalten, warum darf das dann nicht dokumentiert werden? So könnte man darüber diskutieren und evtl. das Vorgehen verbessern. Die Antwort ist: Die chinesische Regierung hat keine Argumente für ihr handeln. Ihre Funktionäre sind unmündig, Entscheidungen werden nicht begründet, weil dann der Sumpf aus Unfähigkeit und Korruption ans Licht käme. Die Leute kleben an ihren Stühlen, mehr nicht.

Zugegeben ist das mit der Unfähigkeit und Korruption bei uns kaum anders, aber es darf halt darüber berichtet werden.

fyl am :

Du hast offenbar den Text nicht gelesen.

Jan am :

Unsinn. Nur weil Chinesen sich bei einer (blödsinnigen) Meinungsumfrage der ARD Luft machen können, heißt das noch lange nicht, dass es in China Meinungfreiheit gäbe. Was würde zum Beispiel mit Chinesen (in der VR China) passieren, die für den Boykott der Spiele eintreten?

fyl am :

Ja Ron, ich geb dir völlig recht. Nur leider scheint niemand von euch meinen Text gelesen zu haben, stattdessen kommen von den Medien konditionierte Parolen.
In dem Text geht es darum, dass am Beispiel von tagesschau.de gezeigt werden soll, wie verbohrt man auf Gegenmeinungen reagiert, obwohl diese eine völlig frei geäußerte Meinung ind. Sie also ihre eigene moralische Position ad absurdum führen. Sie wollen freie Meinungsäußerung, aber keine Gegenmeinungen? Sie verehren die 68er, verurteilen aber, dass die Gegenseite sich unschöner Internet-Massenproteste bedient?
Stattdessen werden wieder die alten Kamellen um die KPCh rausgeholt, die so richtig sie auch sein mögen und das will ich auch nicht abstreiten, hier gar nicht zur Diskussion stehen.

fyl am :

>> Ja Ron, ich geb dir im Grundsatz recht.
fixed.

Wer Pluralismus leben und sich mal die Argumente der "Gegenseite" vis-a-vis anhören möchte, kann ja heute zum Brandenburger Tor gehen. :)

Jan am :

Nochmal: Die Aussage, dass ich deinen Text nicht gelesen hätte und von den Medien konditionierte Parolen wiedergeben würde, ist vollkommener Unsinn. Wenn du so etwas behauptest (auch noch wiederholst) erkenne ich daraus nur, das du offensichtlich meinen Text nicht gelesen oder nicht verstanden hast.

Deshalb für dich nochmal zum Mitschreiben:

Es ist vollkommen normal, dass tagesschau.de blödsinnige Umfragen vom Stapel lässt. Solch eine Internet-Umfrage ist ja per se nicht repräsentativ, weil man gar nicht kontrollieren kann, wie oft jemand abstimmt. Um so eine Umfrage zu manipulieren braucht man keine Chinesenarmee (sic!), eine Horde Bots reicht völlig. Folglich folgen die Umfragen dem einzigen Zweck, das herauszufinden, was der Umfrager suggeriert.

Hier ergeben sich nun zwei Möglichkeiten, die gleichermaßen ausschlachtbar sind:
1. Eine breite Mehrheit ist für den Boykott. Wuu-Huu! Nachrichtenschlagzeile: "Breite Mehrheit der tagesschau.de-Nutzer für den Olympia-Boykott! Sind Internetnutzer etwa nicht so weltoffen, wie immer dargestellt wird, oder wissen sie vielleicht einfach mehr? Klicken Sie rein bei tagesschau.de!"
2. Eine breite Mehrheit ist gegen den Boykott. Wuu-Huu!
Nachrichtenschlagzeile: "Breite Mehrheit der tagesschau.de-Nutzer gegen den Olympia-Boykott. Selbst chinesische Blogger, die gerade gefoltert werden, schreiben: 'Lasst die Spiele kommen!' Lesen Sie die Gründe auf tagesschau.de!"

Langweilig wäre hingegen der wahscheinlichste Fall, dass etwa 50% für und 50% gegen einen Boykott wären. Dieser Fall muss unbedingt verhindert werden. Und zum Glück (oder vielleicht ist das ja auch manipuliert worden) kommen da tausende Chinesen und manipulieren die Umfrage freiwillig! Das ist doch mal eine tolle Nachrichtenschlagzeile: "Der gelbe Mob macht uns fertig! tagesschau.de von Chinesen gekapert! Klicken sie sich rein, um unsere stinkenden Kadaver zu sehen!"


Unabhängig davon ist die Selbstdarstellung der VR China einfach furchtbar. Es gibt nur eine schlechte Publicity, und das ist keine Publicity. Denn wenn nicht die "schreckliche Wirklichkeit" berichtet werden darf, denken sie die Medien selbst was aus, was natürlich noch viel aufgebauschter ist. Siehe oben und mein erstes Posting.

Vielleicht sollten die mal den Kocks engagieren. Der hat ja noch viel hausbackenere Typen als das ZK der VR China medial vorzeigbar gemacht.

fyl am :

Und damit kommen wir zum Pudels kern. Gerade die tagesschau.de sollte als öffentliche Anstalt auf derartige populistische Meinungsmache und Sensationsgeilheit verzichten. Dass sie ihr Urteil bereits vorher festgelegt hat und alle Ergebnisse in diese Richtung dreht, macht sie nicht besser als die von ihnen kritisierten chinesischen Propagandisten.

Jan am :

Vielleicht bin ich da zu abgeklärt, aber unabhängig ist die Tagesschau oder tagesschau.de sicher nicht. Genauso wenig wie heute oder eine andere Fernseh-Nachrichtensendung.

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,508647,00.html

Natürlich ist auch der Spiegel nicht gerade unabhängig, aber beim Werfen des Drecks kommt halt auch einiges zum Vorschein.

hergen am :

Nunja... ein "Recht zu richten" entsteht spätestens dann, wenn ein Regime international anerkannte Menschenrechts-Grundsätze missachtet und Proteste der direkt betroffenen einheimischen Bevölkerung brutal niederprügelt.

Letzten Endes ist es die chinesische Regierung selbst, die auf diese Weise eine Berichterstattung auf sachlich-kultureller Ebene verhindert..

Hergen

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