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151 Jahre Deutsch-Japanische Freundschaft


Wer hätte es vorausahnen können, dass gerade das Jahr 2011, in dem wir eigentlich 150 Jahre Deutsch-Japanischer Freundschaft feiern wollten, für Japan so schicksalhaft sein würde?

Japan ist ein Jahr nach dem Tōhoku-Erdbeben in allen Medien. Normale japanische Menschen werden interviewt, zu ihren Sorgen befragt, einfühlsam über ihr Schicksal berichtet. Man sieht japanische Mütter voller Sorge um ihre Kinder, japanische Bauern um das Erbe ihrer Vorväter weinen. Man sieht Menschen, die versuchen, ihren Alltag, der sich eigentlich nicht so sehr von dem unseren unterscheiden sollte, zu bewältigen. Man sieht Sorge vor der Zukunft. Was für ein Unterschied zur Berichterstattung vergangener Zeiten, in der Japaner schonmal als nimmermüde, gesichtslose Arbeitsameisen oder wahlweise als verschrobene, verkitschte, außerhalb einer Großstadtgesellschaft nicht überlebensfähige Fantasten dargestellt wurden.

Es erscheint fast so als ob Japan und Deutschland, jahrzehntelang nur als das Land der Dauer-Besorgten und Bedenkenträger bekannt, die Rollen getauscht hätten. Deutschland wird in den Medien dargestellt als könnten wir vor Kraft nicht mehr um die Ecke laufen und würden alles umreißen, was sich im Wege herumlümmelt.

Natürlich entsprechen beide Darstellungen heute wie gestern nicht der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist vielschichtig. Auch in Deutschland leben und lebten sehr viele zuversichtliche, in Japan sehr viele besorgte Menschen. Was also hat sich geändert? Wirklich nur der Fokus der Medien?

Meiner Meinung nach greift eine solche Sichtweise zu kurz. Die japanische Gesellschaft ist im Umbruch. Nachdem 2009 die zuvor fast ausnahmslos alleinregierende LDP eine erdrutschartige Niederlage verkraften musste, sollte auch japanischen Politikern klargeworden sein, dass das Volk genug von einer Politikerkaste hat, die vor allem ihre eigene und die Versorgung ihrer Günstlinge im Blick hat. Natürlich ist auch die Konkurrenz der LDP, die DPJ, Teil des Systems aus Konzernen, Politik und Yakuza gewesen, das Japan über Jahrzehnte kontrollierte.

Sukuiso, Iwate
Sukuiso, Iwate nach dem Tsunami
Quelle: US Navy 110318-N-SB672-598


Geisterstadt Namie
Geisterstadt Namie
Quelle: Voice of America News - S. L. Herman

Durch das Tōhoku-Erdbeben und vor allem die nachfolgende Nuklearkatastrophe von Fukushima ist nun aber entgültig offensichtlich geworden, dass weder die Politiker noch die Konzerne mit ihrer Wirtschaftsmacht das Versprechen von Stabilität, Vollbeschäftigung und wirtschaftlicher Entwicklung, das die japanische Bevölkerung seit spätestens den 1960er Jahren ruhiggestellt hat und das sogar die große Kreditblase der 1990er Jahre einigermaßen überstanden hatte, einlösen können.

Nicht einmal das Hauptversprechen, das jeder Staat seinen Bürgern geben muss um überhaupt eine Existenzberechtigung zu haben, nämlich Leben und körperliche Unversehrtheit für die lebenden und die nachfolgenden Generationen zu garantieren, kann der japanische Staat zur Zeit einhalten. Der unzureichende Schutz vor dem dem Seebeben nachfolgenden Tsunami in vielen Küstenstädten der Gegend mag den Verantwortlichen wegen der historisch unbekannten Heftigkeit des Bebens noch als naturgegeben nachgesehen werden, auch wenn einige Bürgermeister die richtige Vorahnung hatten. Auch die verbrecherische Verstrickung der Konzerne mit den Yakuza für die Arbeitskräftebeschaffung für die Aufräumarbeiten im KKW Fukushima Daiichi ist nur die Spitze des Eisberges.

Durch die ungüstigen Wind- und Witterungsverhältnisse hat sich der Fallout der Explosionen im KKW sehr ungleichmäßig im Landesinneren zwischem dem KKW und der Stadt Fukushima verteilt. An bestimmten „Hot Spots” liegt die Radioaktivität bei mehr als 20 Millisievert pro Jahr, was die zulässige Dosis für einen Mitarbeiter in der Nuklearindustrie darstellt, allerdings bei ständiger ärztlicher Überwachung. Ebenso sollten im gesamten Leben eigentlich nicht mehr als 400 mSv angesammelt werden, dies wäre in der Nähe eines Hot Spots schon nach 20 Jahren der Fall. (Nur der Vollständigkeit halber: Für die Allgemeinbevölkerung gilt hingegen z.B. in Deutschland ein Grenzwert von 1 mSv/a.)

Der überhöhten Strahlenbelastung sind Menschen, die sich aus Unkenntnis dauerhaft in der Nähe der Hot Spots aufhalten, z.B. weil sie dort wohnen, arbeiten oder zur Schule gehen, dann über Jahrzehnte hinaus ausgesetzt, da die verursachenden Isotope, vor allem Cäsium-137 und Strontium-90 erst nach Jahrhunderten weit genug zerfallen sind. Das Auffinden und Beseitigen aller Hot Spots wird noch Jahre dauern. Für Kinder ist die Aufnahme von Strontium-90, z.B. beim Spielen auf belasteten, staubigen Flächen besonders schädlich, da es im Körper in den Knochen angesammelt wird und später Leukämie verursachen kann. Diese Auswirkung des Unfalls von Fukushima Daiichi ist bereits mit dem Tag der Freisetzung unausweichlich geworden. Dies, und dass die japanische Regierung nicht etwa das Auffinden der Hot Spots, sondern die Erhöhung der Grenzwerte für die Region und für Lebensmittel als erste Konsequenz beschloss, untergraben das Vertrauen der Menschen zusätzlich. Die traditionelle japanische Verschwiegenheit, um den eigenen Gesichtsverlust zu vermeiden, hilft hier überhaupt nicht.

Folglich ist die Bevölkerung außerhalb der unmittelbaren Katastrophenregion besorgt, was man überhaupt noch ohne Gefahr essen kann. Wie bitter muss es für einen japanischen Bauern oder Fischer sein, zu erfahren, dass die Lebensmittel, die das Land oder die Fischgründe, die seine Familie nun schon seit Jahrhunderten bearbeitet, hervorbringt, von niemandem mehr geliebt werden. Gerade die Tōhoku-Region um Fukushima ist, oder eher, war der Obst- und Gemüsegarten Japans. Viele Menschen sind hunderte Kilometer mit dem Auto gefahren, um bestimmte Früchte erntefrisch von „ihrem” Bauern abzuholen und berichteten daheim in Tōkyō stolz von ihrem Einkauf. Überhaupt ist dieser Verlust in der auf den Genuss am Essen fixierten japanischen Gesellschaft für uns kaum zu ermessen.

Welche Konsequenzen sollten wir in Deutschland ziehen? Die Konsequenz, zukünftig in Deutschland auf Kernkraft zu verzichten, war angesichts der Folgen eines Unfalls für die Daseinsvorsorge nötig und folgerichtig. In Europa weiterzumachen und letztlich auch weltweit das Ende der Kernkraft einzuleiten ist der nächste, letztlich unvermeidliche Schritt. In dieser Folge muss auch weltweit die Verstrickung ökonomischer Interessen mit der Politik ständig hinterfragt, offengelegt und nötigenfalls auch beseitigt werden, wo sie den vitalen Interessen der Menschheit (den 99,9%) widerspricht.

Aber auch die Konsequenz, Einrichtungen in Japan gezielt mit Spenden zu unterstützen war richtig, auch wenn es sich bei Japan um ein hochentwickeltes, reiches Industrieland handelt, das seine Probleme eigentlich auch aus eigener Kraft lösen kann. Man mag sagen, dass es die Geste sei, die zählt, aber es ist mehr als das. Wir haben die Gelegenheit genutzt, engeren Kontakt mit Japanern zu finden, einem Volk, das sich auf seinen Inseln im Pazifik und in der eigenen, für uns vertrauten wie auch fremdartig anderen Gesellschaft, eingeigelt hatte. Und die Japaner haben wohl auch gemerkt, dass es auch noch ein „draußen”, die fremdartige, exotische Welt – Deutschland eingeschlossen – außerhalb Japans gibt, vor der man sich nicht fürchten muss und auf die man selbst zugehen kann. Wieviel mehr Reisen nach Deutschland haben im letzten Jahr wohl japanische Menschen unternommen, um sich zu informieren, wie wir leben, wie wir mit dem Verzicht auf Kernkraft umgehen und einfach um die Leute kennenzulernen, die ihnen unbekannten Menschen auf der anderen Seite der Erde einfach so Geld für die Neuausstattung einer Schule spenden.

Euch persönlich möchte ich daher bitten, die deutsch-japanische Freundschaft in jedem Jahr eures Lebens fortzuschreiben indem ihr auch weiterhin Interesse für Japan zeigt, Japan besucht, dort nicht nur einkauft, sondern tatsächlich mit den Menschen in Kontakt kommt. Das Interesse der Japaner am Nicht-Japaner wächst. Und falls ihr es schafft, die Schale eines Japaners zu knacken, ladet ihn oder sie doch auch mal nach Deutschland ein. Ganz persönlich, zu euch nach Hause. Klar ist das schwierig, aber wenn's leicht wäre, könnte es ja jeder. Und im Durchbeißen sind Deutsche und Japaner glaube ich ganz ähnlich konditioniert worden. Beste Voraussetzungen, einander zu verstehen.

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Kommentare

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Ron am :

Toller Artikel!

Anonym am :

Gut

blue61 am :

Zu ergänzen wäre vielleicht noch die fatale Entwicklung, dass in Japan die Atomkraft trotz aller Gefahren durch die Wahl einer (von aussen betrachtet) rückschrittlichen und wirtschaftsorientierten Regierung nun doch wieder weiter genutzt und gefördert werden soll. Man sollte eigentlich meinen, gerade die Beinahe-Katastrophe von 2011 hätte allen die Gefahr vor Augen geführt. Aber offenbar ist die Fähigkeit, Gefahren für die Fremde Gruppe (der Einwohner der Unglücksregion, aus Sicht des Rests des Bevölkerung) auszublenden so überaus dominant und kulturell so stark verwurzelt, dass die Gefahren für die eigene Person und Gruppe total unterschätzt wird.
Man kann nur hoffen, dass sich die Vernunft irgendwann auch in Japan durchsetzen wird.

Jan am :

Ich denke nicht, dass die Bevölkerung in Japan betriebsblind ist. Japan hat nur (wie Deutschland im übrigen auch) eine Technokratenregierung, die völlig abgehoben vom Volk agiert - mit der jahrzehntelangen Erfahrung, dass das Volk zumeist apatisch ist und wenn nicht mit Brot+Spielen ruhiggestellt werden kann.

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