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151 Jahre Deutsch-Japanische Freundschaft


Wer hätte es vorausahnen können, dass gerade das Jahr 2011, in dem wir eigentlich 150 Jahre Deutsch-Japanischer Freundschaft feiern wollten, für Japan so schicksalhaft sein würde?

Japan ist ein Jahr nach dem Tōhoku-Erdbeben in allen Medien. Normale japanische Menschen werden interviewt, zu ihren Sorgen befragt, einfühlsam über ihr Schicksal berichtet. Man sieht japanische Mütter voller Sorge um ihre Kinder, japanische Bauern um das Erbe ihrer Vorväter weinen. Man sieht Menschen, die versuchen, ihren Alltag, der sich eigentlich nicht so sehr von dem unseren unterscheiden sollte, zu bewältigen. Man sieht Sorge vor der Zukunft. Was für ein Unterschied zur Berichterstattung vergangener Zeiten, in der Japaner schonmal als nimmermüde, gesichtslose Arbeitsameisen oder wahlweise als verschrobene, verkitschte, außerhalb einer Großstadtgesellschaft nicht überlebensfähige Fantasten dargestellt wurden.

Es erscheint fast so als ob Japan und Deutschland, jahrzehntelang nur als das Land der Dauer-Besorgten und Bedenkenträger bekannt, die Rollen getauscht hätten. Deutschland wird in den Medien dargestellt als könnten wir vor Kraft nicht mehr um die Ecke laufen und würden alles umreißen, was sich im Wege herumlümmelt.

Natürlich entsprechen beide Darstellungen heute wie gestern nicht der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist vielschichtig. Auch in Deutschland leben und lebten sehr viele zuversichtliche, in Japan sehr viele besorgte Menschen. Was also hat sich geändert? Wirklich nur der Fokus der Medien?

Meiner Meinung nach greift eine solche Sichtweise zu kurz. Die japanische Gesellschaft ist im Umbruch. Nachdem 2009 die zuvor fast ausnahmslos alleinregierende LDP eine erdrutschartige Niederlage verkraften musste, sollte auch japanischen Politikern klargeworden sein, dass das Volk genug von einer Politikerkaste hat, die vor allem ihre eigene und die Versorgung ihrer Günstlinge im Blick hat. Natürlich ist auch die Konkurrenz der LDP, die DPJ, Teil des Systems aus Konzernen, Politik und Yakuza gewesen, das Japan über Jahrzehnte kontrollierte.

Sukuiso, Iwate
Sukuiso, Iwate nach dem Tsunami
Quelle: US Navy 110318-N-SB672-598


Geisterstadt Namie
Geisterstadt Namie
Quelle: Voice of America News - S. L. Herman

Durch das Tōhoku-Erdbeben und vor allem die nachfolgende Nuklearkatastrophe von Fukushima ist nun aber entgültig offensichtlich geworden, dass weder die Politiker noch die Konzerne mit ihrer Wirtschaftsmacht das Versprechen von Stabilität, Vollbeschäftigung und wirtschaftlicher Entwicklung, das die japanische Bevölkerung seit spätestens den 1960er Jahren ruhiggestellt hat und das sogar die große Kreditblase der 1990er Jahre einigermaßen überstanden hatte, einlösen können.

Nicht einmal das Hauptversprechen, das jeder Staat seinen Bürgern geben muss um überhaupt eine Existenzberechtigung zu haben, nämlich Leben und körperliche Unversehrtheit für die lebenden und die nachfolgenden Generationen zu garantieren, kann der japanische Staat zur Zeit einhalten. Der unzureichende Schutz vor dem dem Seebeben nachfolgenden Tsunami in vielen Küstenstädten der Gegend mag den Verantwortlichen wegen der historisch unbekannten Heftigkeit des Bebens noch als naturgegeben nachgesehen werden, auch wenn einige Bürgermeister die richtige Vorahnung hatten. Auch die verbrecherische Verstrickung der Konzerne mit den Yakuza für die Arbeitskräftebeschaffung für die Aufräumarbeiten im KKW Fukushima Daiichi ist nur die Spitze des Eisberges.

Durch die ungüstigen Wind- und Witterungsverhältnisse hat sich der Fallout der Explosionen im KKW sehr ungleichmäßig im Landesinneren zwischem dem KKW und der Stadt Fukushima verteilt. An bestimmten „Hot Spots” liegt die Radioaktivität bei mehr als 20 Millisievert pro Jahr, was die zulässige Dosis für einen Mitarbeiter in der Nuklearindustrie darstellt, allerdings bei ständiger ärztlicher Überwachung. Ebenso sollten im gesamten Leben eigentlich nicht mehr als 400 mSv angesammelt werden, dies wäre in der Nähe eines Hot Spots schon nach 20 Jahren der Fall. (Nur der Vollständigkeit halber: Für die Allgemeinbevölkerung gilt hingegen z.B. in Deutschland ein Grenzwert von 1 mSv/a.)

Der überhöhten Strahlenbelastung sind Menschen, die sich aus Unkenntnis dauerhaft in der Nähe der Hot Spots aufhalten, z.B. weil sie dort wohnen, arbeiten oder zur Schule gehen, dann über Jahrzehnte hinaus ausgesetzt, da die verursachenden Isotope, vor allem Cäsium-137 und Strontium-90 erst nach Jahrhunderten weit genug zerfallen sind. Das Auffinden und Beseitigen aller Hot Spots wird noch Jahre dauern. Für Kinder ist die Aufnahme von Strontium-90, z.B. beim Spielen auf belasteten, staubigen Flächen besonders schädlich, da es im Körper in den Knochen angesammelt wird und später Leukämie verursachen kann. Diese Auswirkung des Unfalls von Fukushima Daiichi ist bereits mit dem Tag der Freisetzung unausweichlich geworden. Dies, und dass die japanische Regierung nicht etwa das Auffinden der Hot Spots, sondern die Erhöhung der Grenzwerte für die Region und für Lebensmittel als erste Konsequenz beschloss, untergraben das Vertrauen der Menschen zusätzlich. Die traditionelle japanische Verschwiegenheit, um den eigenen Gesichtsverlust zu vermeiden, hilft hier überhaupt nicht.

Folglich ist die Bevölkerung außerhalb der unmittelbaren Katastrophenregion besorgt, was man überhaupt noch ohne Gefahr essen kann. Wie bitter muss es für einen japanischen Bauern oder Fischer sein, zu erfahren, dass die Lebensmittel, die das Land oder die Fischgründe, die seine Familie nun schon seit Jahrhunderten bearbeitet, hervorbringt, von niemandem mehr geliebt werden. Gerade die Tōhoku-Region um Fukushima ist, oder eher, war der Obst- und Gemüsegarten Japans. Viele Menschen sind hunderte Kilometer mit dem Auto gefahren, um bestimmte Früchte erntefrisch von „ihrem” Bauern abzuholen und berichteten daheim in Tōkyō stolz von ihrem Einkauf. Überhaupt ist dieser Verlust in der auf den Genuss am Essen fixierten japanischen Gesellschaft für uns kaum zu ermessen.

Welche Konsequenzen sollten wir in Deutschland ziehen? Die Konsequenz, zukünftig in Deutschland auf Kernkraft zu verzichten, war angesichts der Folgen eines Unfalls für die Daseinsvorsorge nötig und folgerichtig. In Europa weiterzumachen und letztlich auch weltweit das Ende der Kernkraft einzuleiten ist der nächste, letztlich unvermeidliche Schritt. In dieser Folge muss auch weltweit die Verstrickung ökonomischer Interessen mit der Politik ständig hinterfragt, offengelegt und nötigenfalls auch beseitigt werden, wo sie den vitalen Interessen der Menschheit (den 99,9%) widerspricht.

Aber auch die Konsequenz, Einrichtungen in Japan gezielt mit Spenden zu unterstützen war richtig, auch wenn es sich bei Japan um ein hochentwickeltes, reiches Industrieland handelt, das seine Probleme eigentlich auch aus eigener Kraft lösen kann. Man mag sagen, dass es die Geste sei, die zählt, aber es ist mehr als das. Wir haben die Gelegenheit genutzt, engeren Kontakt mit Japanern zu finden, einem Volk, das sich auf seinen Inseln im Pazifik und in der eigenen, für uns vertrauten wie auch fremdartig anderen Gesellschaft, eingeigelt hatte. Und die Japaner haben wohl auch gemerkt, dass es auch noch ein „draußen”, die fremdartige, exotische Welt – Deutschland eingeschlossen – außerhalb Japans gibt, vor der man sich nicht fürchten muss und auf die man selbst zugehen kann. Wieviel mehr Reisen nach Deutschland haben im letzten Jahr wohl japanische Menschen unternommen, um sich zu informieren, wie wir leben, wie wir mit dem Verzicht auf Kernkraft umgehen und einfach um die Leute kennenzulernen, die ihnen unbekannten Menschen auf der anderen Seite der Erde einfach so Geld für die Neuausstattung einer Schule spenden.

Euch persönlich möchte ich daher bitten, die deutsch-japanische Freundschaft in jedem Jahr eures Lebens fortzuschreiben indem ihr auch weiterhin Interesse für Japan zeigt, Japan besucht, dort nicht nur einkauft, sondern tatsächlich mit den Menschen in Kontakt kommt. Das Interesse der Japaner am Nicht-Japaner wächst. Und falls ihr es schafft, die Schale eines Japaners zu knacken, ladet ihn oder sie doch auch mal nach Deutschland ein. Ganz persönlich, zu euch nach Hause. Klar ist das schwierig, aber wenn's leicht wäre, könnte es ja jeder. Und im Durchbeißen sind Deutsche und Japaner glaube ich ganz ähnlich konditioniert worden. Beste Voraussetzungen, einander zu verstehen.

PSYDOLL tour "TOKYO ATOMIKA RECITAL2011"


Die japanische Cyberpunk-Band "PSYDOLL" tritt mit ihrer Tour "TOKYO ATOMIKA RECITAL2011" neben Tokyo auch in Deutschland, der Tschechischen Republik und Wien auf:



PSYDOLL tour "TOKYO ATOMIKA RECITAL2011"



Japan - Deutschland - Česká republika - Vienna

http://www.psydoll.com/e/02events.html

Erste Kirschblüten des Jahres in Ueno



Gestern habe ich in Ueno die ersten blühenden Kirschbäume des Jahres gesehen. Normalerweise denkt man bei Japan und Kirschblüte ja eher an ende März bis anfang April, was die Hauptsaison für die Kirschblüte ist. Aber es gibt eben doch sehr viele verschiedene Zierkirscharten, die je nach dem früher (wie jetzt hier anfang Februar) bis sehr spät (gesehen in Kyoto im November) blühen. Die hier auf dem Foto zu sehenden sind 'Kanzakura' (Prunus Kanzakura) wie man auf dem etwas schlechten Foto des verblassten Namensschildes lesen kann wenn man der Katakana mächtig ist. ;)

Hatsumōde beim 'Lucky Star Schrein', dem Washinomiya-schrein

Heute war ich zum Hatsumōde (dem ersten Schreinbesuch des Jahres) beim Washinomiya-schrein in Saitama. Seit er vom Animationsstudio als Vorbild für das Haus der Hiragi-schwestern aus Lucky Star genommen wurde hat das den Besucherzustrom (vor allem auf Seite der Animefans) wohl stark verstärkt.

Zunächst einmal habe ich wie Zyl von hontouni.com beim Bahnhof Kasukabe halt gemacht um dort ein Foto zu machen, da auch dieser im Opening vorkommt. Wie man sieht hat der Westausgang mittlerweile ein Vordach bekommen.



Leider war es schon etwas spät, deshalb habe ich mir den doch nach der Karte etwas längeren Weg zum ebenfalls zum Vorbild genommenen Schuleingang gespart und bin direkt weiter nach Washinomiya.



Die Stadt bzw. die Geschäftsleute in der Gegend um den Weg zwischen Bahnhof und Schrein nutzen offenbar den Rummel um Lucky Star:
(Links: Infos zur 'Lucky Star pilgrimage im Fenster eines Ladens gegenüber dem Bahnhofsausgang; Mitte: Die Hīragi-schwestern flankieren die 'Cosmos fureai road' auf dem Weg zum Tempel; Rechts: Auch ein Sobaladen an der Straße hat sein Menü entsprechend angepasst)

Infos zur 'Lucky Star pilgrimage im Fenster eines Ladens gegenüber dem BahnhofsausgangDie Hīragi-schwestern flankieren die 'Cosmos fureai road' auf dem Weg zum TempelAuch ein Sobaladen an der Straße hat sein Menü entsprechend angepasst

Im Schrein selbst fallen vor allem die vielen Wunschplaketten (Ema) auf, bei denen hier Motive mit Animecharakteren vorherschen.

Ema im Washinomiya-schrein

Ich habe es mir dann nicht nehmen lassen auch mein eigenes Ema zu kaufen (1000 Yen, ca. 8 EUR), mit einem Wunsch zu beschreiben und aufzuhängen:

今年も桃井はるこがドイツに来ますように

Sakuragawa Himeko

Gestern war ich mit einem Bekannten auf dem "ひめめヒソトリー2005ー2009 ラストだよ!全員集合!!" Livekonzert von Sakuragawa Himeko. Wenn er bis jetzt noch keinen Kulturschock hatte, dann war danach der Zeitpunkt dafür. Obwohl er mir ja gesagt hat das es ihm ganz gut gefallen hätte.

Quiz

Wieso ist dieses Poster der Prefäktur Kagoshima ein großer Fail? (Außer, dass er zur Zahlung der Automobilsteuer aufruft... ;)

Japaner als Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche

Auch wenn wie erwartet Kyrill von Smollensk Ende Januar zum neuen Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche gewählt wurde, wäre es, wenn die Wahlen online abgelaufen wären, möglicherweise anders gekommen.

Im Vorfeld hat die Kirche nämlich eine Website eingerichtet, auf der man bereits (unverbindlich) seinen Lieblingsbischof aus 34 Erz- und 77 lokalen Bischöfen wählen konnte. Und die Überraschung: Favorit Kyrill wurde haushoch vom tokyoter Erzbischof Daniel (geb. Ikuo Nushiro) geschlagen, der alleine 77% der Stimmen auf sich vereinigte. Auch nach Entwertung der Stimmen kam er kurz darauf wieder an die Spitzenposition.

Als möglichen Grund nannten die russischen Medien offenbar russische Anime-Fans, die die Seite "geraidet" haben. Die Theorien gehen sogar bis zur Präsidentschaftskandidatin 2004, Irina Hakamada von "Das andere Russland", die keinen Hehl darum macht, dass ihr Vater Japaner ist.
Was natürlich auch nie vergessen werden sollte, sind die berüchtigten 2ch-Nutzer. Nur, dass diese derartige Aktionen normalerweise medienwirksam bekannt machen...

Wer auch immer dahinter war, zeigt dies wieder einmal die nicht zu unterschätzende Selbstorganisationskräfte fraktaler Internet-Gemeinschaften (oder das Talent von Bot-Entwicklern ;) .

JB Press

Totoro im Schnee

Hier in Berlin kommt man ja leider nicht wirklich in den Genuss von viel Schnee, deswegen muss man sich Berichte über den Winter leider im Fensehen zu Gemüte ziehen. Am besten ist es dann natürlich, einen Bericht über Japan im Winter mit viel Schnee zu sehen. Und netterweise zeigte ZDF Doku genau so was.

Ein interessanter Bericht über das japanische Hinterland mit jeder Menge Schnee und einigen verrückten Japaner ^_^;. Am besten gefiel mir dabei ein kleines Dorf, dass angefangen hat in jedem Winter verschiedene Schneemänner zu bauen um einige Touristen anzulocken. Die Polizei baute ein Polizeiauto nach, was wohl bei den Touristen besonders beliebt war. Und ganz kurz wurde dann auch ein toller Schnee-Totoro mit Nekobus eingeblendet und als Fabelwesen deklariert.

Totoro aus Schnee

Vielleicht baut der eine oder andere mit mehr Schnee als wir Berliner jetzt ja auch mal einen Schnee-Totoro und nicht nur einen Osterhasen.

In wenigen Stunden

...beginnt die Winter Comic Market drüben in "Nippon". /cry

Grrr...

P.S.
Die HP des Yasukuni-Schreins wurde offenbar am 24.12. von einem chinesischen Hacker gehackt. (Mittlerweile läuft sie wieder.)

Amoklauf in Akihabara

Heute Mittag (japanische Zeit) hat ein Mann auf der Hauptstraße in Akihabara, bekannt als Zentrum der japanischen Computer- und Manga-Kultur, wahllos auf Menschen eingestochen. Bisher sind 7 Menschen gestorben und weitere 11 sind verletzt worden.

Sonntags wird die Hauptstraße von Akihabara zur Mittagszeit in eine Fußgängerzone umgewandelt und ist meist voll mit Menschen und Schaustellern.

P.S.
Bevor sich jetzt niemand mehr nach Akiba traut: Der 25-jährige Täter wurde noch am Tatort verhaftet.

Update: TV-News direkt nach der Tat (bevor die ersten Opfer verblutet sind).

Wann wart ihr das letzte Mal in Japan?

Ist euch dabei aufgefallen, dass die Flug-Preise nach Japan ziemlich hoch waren? Höher als dass sie durch Ölpreis und Terrorpanik hätten gerechtfertigt werden können?
Vielleicht lag das Geheimnis einfach darin, dass dahinter Absprachen führender Flugunternehmen standen, um "exzessiven Wettbewerb" zu verhindern?

Für Skandal-Reporter (leider) nichts neues...

安野先生、早くお元気になられますように…

Japanische Mythen: Die verlorenen Dekade

Die 90er Jahre gelten als die „verlorenen Dekade“ der Japaner, in der nicht nur die wirtschaft, sondern auch alle Nachkriegs-Ideale, an die die Japaner glaubten (i.e. Bürokraten als unfehlbare weiße Ritter, Japan als Wirtschaftssupermacht) unter die Räder gerieten. Kurz: Die Realität holte (endlich) Japan ein.

Für Wirtschaftsinteressierte ist das natürlich nicht nur eine spannende Zeit, in der Phase entstanden zudem auch paar der wichtigsten (fundierten) Literaturen zur japanischen Wirtschaft, nun frei von den Illusionen der 80er, darunter Katz’ „System that Soured“ (1998) oder Tempels „Regime Shift“ (1998). Und dass Japan auch die nächsten Jahre spannend bleiben sollte, hatte Lincoln in „Arthritic Japan“ bereits 2001 prophezeit.

Die wichtigsten Ereignisse dieser Phase:
1988 Recruit-Skandal: Korruption in den höchsten Ebenen von Politik (bis zum Ministerpräsidenten), Bürokratie und Konzerne werden offenbar.
1989 HIV-Skandal: HIV-verseuchtes Blut infiziert tausende Patienten, das Gesundheitsministerium versagt völlig.
1990 Ende der Bubble: Der Nikkei wird in den nächsten Jahren um 60% einbrechen, Japans Wirtschafts-Wachstum auf unter 2% fallen.
1993 Politische Zäsur: Nach erneuten Korruptionsskandalen dreht der mächtige Wirtschaftsverband Keidanren der Regierungspartei LDP den Geldhahn zu, diese verfällt in Fraktionskämpfe und nach 38 Jahren kommt es zu einem Regierungswechsel. Für 21 (chaotische) Monate.
1995 Kobe-Erdbeben: Die japanische Bürokratie versagt völlig (i.e. veranlasst für schweizerische Lawinensuchhunde eine 6-monatige Sicherheits-Quarantäne).
1995 Giftgasanschlag auf Tokyoter U-Bahn: Es war bekannt, dass die AUM-Sekte Waffen und Kampfstoffe im Ausland erwarb (u.a. einen Kampfhubschrauber).
1995 Faule Kredite: Es wird bekannt, dass ein nicht bedeutender Teil der in den 80ern vergebenen Kredite nicht mehr zurück gezahlt werden können. Das Finanzministerium versucht den verlust einer hohen dreistelligen Milliarden-Euro-Summe zu vertuschen, Rating-Firmen stufen Japan in der Kreditwürdigkeit auf das Niveau von Bananen-Staaten und eine jahrelange Deflation beginnt.
1995: Dragonball Z, der erfolgreichste Manga aller Zeiten endet, und damit auch das Wachstum der japanischen Manga-Industrie, von nun an geht es abwärts.
1996: Japan erhält den Zuschlag für die Fußball-WM 2002, …gemeinsam mit Erzfeind Korea.
1997: Asienkrise + Mehrwertsteuererhöhung (von 3 auf 5%) = Japan fällt in eine Rezession.
1997: FF7, das beste Spiel aller Zeiten (^_-), markiert den Höhepunkt der japanischen Videospielindustrie, von nun an geht es auch hier abwärts (bis zur In-Wii-sierung).
1998: Winter-Olympiade in Nagano, große organisatorische und finanzielle Mängel tun sich auf.
1999: Der IT-Aufschwung nährt Hoffnung.
2001: Der große „Big Bang“ erweist sich als leichte Reorganisation des Staatsapparates denn als echte Reform: „tatemae“ > „honne“.
2001: Junichiro „Löwenherz“ Koizumi wird Ministerpräsident.
2001: 911 signalisiert Ende der IT-Blase und eine globale Rezession (Wehrindustrie ausgenommen ;) tritt ein.

Weitere Ereignisse der 90er:
- Großbanken mit „staatlicher Erfolgsgarantie“ gehen unter.
- Japanische Vorzeigeunternehmen wie Nissan oder Mitsubishi werden von ausländischen Firmen übernommen.
- Japanische Großunternehmen setzen in großem Maße „lebenslange“ Festangestellte frei, die Arbeitslosenquote steigt auf über 4%.
- Japanische Staatschulden betragen 140% des BSP, mehr als jedes andere Industrieland, private Schulden machen noch zusätzliche 100% aus.
- Japan ist bei der Verbreitung von PCs, Breitbandverbindungen und Handys Schlusslicht unter den IT-Staaten.
- Der Yen steigt auf bis zu 80Yen/US-$.
- McDonals’s senkt den Preis des Hamburgers um 2 Drittel auf 65 Yen, Yoshinoya führt den 280 Yen-Gyūdon ein.
- Die Japaner wachsen nun in die Höhe UND in die Breite.

Angesichts derartiger Schocks ist es nicht verwunderlich, dass hochgradig per****e und ver******e Personen wie Nankyoku „Pinguin“ Sakura (s. Bild) zu derart erfolgreichen Identifikationsfiguren werden und nun sogar einen eigenen Anime erhalten sollen. Naja, trotzdem „gezätt“…

Japanische Mythen: Wirtschaftstrauerland Japan

"Never change a running system." Dachten sich die Japaner und hielten an ihrem Wirtschaftssystem fest, auch als es längst zu einem "souring system" (Richard Katz) geworden ist. Dies war bereits in den 70ern der Fall, als die Wirtschaftsentwicklung beginnend mit der ersten Ölkrise (1973) von den 9 – 10 % der 50er/60er auf knapp 4% fiel. Denn längst hatten sich die Erfolgsrezepte verkehrt:
- Langfristige Planung verhinderte Innovationen und Flexibilität
- Bankenfinanzierung führte zu unkontrollierter Überkapitalisierung und Spekulationen
- Regulierter Wettbewerb schützte ineffiziente Wirtschaftsbereiche
- Industriepolitik war nun geprägt von Korruption und Lobbyismus

Eine Konvoi-System war entstanden, in dem die starken Exportindustrien (z.B. Auto, Maschinen) sich dem Tempo der schwachen Binnenindustrien (z.B. Lebensmittel, Bau) anpassen mussten. Das gesamte System wurde durch Handelsüberschüsse und staatliche Investitionen am Laufen gehalten. Doch die dafür nötigen Mengen wurden immer größer und die Nettozahler, die Exportindustrie und die USA, begannen, sich diesem Spiel zu verweigern. Erstere verlagerten Kapital und Produktionen ins billigere Ausland und letztere wertete vor allem ihre Währung ab.

In einem letzten Aufbäumen entstand Ende der 80er die berühmt-berüchtigte Aktien- und Landpreis-"Blase", die schließlich im August 1990 platzte und in den folgenden Jahren Kapital von über 2 Bio US-$ (Declan Hayes) vernichtete und eine dreistellige Milliardensumme an "faulen Krediten" zurück ließ. Noch schlimmer als der wirtschaftliche Schaden war aber die nun folgende "verlorene Dekade" des Nullwachstums auf die Psyche der japanischen Bevölkerung, die Anfang der 80er noch von einem "Japan as Number One" (Ezra Vogel) träumte.

Heute steht Japan vor dem weltweit größten staatlichen Schuldenberg von knapp 6 Billionen US-$ (6.000.000.000.000 US-$, zum Vergleich: das japanische Real-GDP (IWF) liegt bei 4,4 Billionen US-$). Schon lange werden daher hierzulande ökonomische "worst case"-Szenarien als "japanische Verhältnisse" bezeichnet.

Japanische Mythen: Wirtschaftswunderland Japan

Was macht man, wenn eine Firma, die mit einem einzigen Spiel mehr als eine halbe Milliarde Euro im Jahr umsetzt, es nicht schafft, Charaktere auf einen Test-Server zu kopieren, und man daher seine frei genommene Zeit anderweitig verbringen muss? Ganz klar, man sinniert über das japanische „Wirtschaftswunder“. (Daher sollte der folgende Text nicht mit der akademischen Brille betrachtet werden…)

Ähnlich wie Deutschland hat ja auch Japan wirtschaftlich ein großes Wunder geschafft und ist von einem Fast-Agrarstadt (zu dem es bombardiert wurde) zur zweitgrößten Wirtschaftsnation geworden. Von 1952 bis 1990 wuchs die japanische Wirtschaft doppelt so schnell wie die anderen kapitalistischen Staaten der OECD. In den 80er Jahren wurde daraus, insbesondere in den USA, eine wahre Japan-Phobie und man fragte sich, ob das „japanische System“ dem „westlichen“ überlegen sei. Hier traten in den USa und in Japan einige der wichtigsten Personen der modernen Japanforschung auf den Plan, deren Werke bis heute richtungweisend sind. Selbst bekannte Manga-Zeichner wie Shintarō Ishinomiri (Japan GmbH) widmeten sich dem Thema.

Jedoch wurde anfangs nur geschaut, wo Japan anders war als der Westen (= USA). Vor allem in populärwissenschaftlich, polemischen Werken wurden lange vermeintlich kulturelle Unterschiede herausgestellt: Gruppengefühl, Sparmentalität, Opferbereitschaft, Samurai-Geist etc. Zunehmend wurde aber das japanische System mit institutionellen Systemen (Chalmers Johnson) erklärt und später sogar mit Gesetzen zu politischen Regimes (T. J. Tempel) oder ökonomischen Entwicklungen (Richard Katz) entmystifiziert. Edward J. Lincoln hat eine schöne Zusammenfassung der Argumente gemacht:

- Langfristige Perspektiven: Es herrschen starke Verbindungen von Unternehmen zu Unternehmen (Keiretsu-Versbindung), zu Banken (Main-Bank-System) und zu Mitarbeitern (lebenslange Beschäftigung, Senioritätsprinzip) mit dem Ziel einer langfristigen Risikominimierung.
- Bankenfinanzierung: Statt Kapital über den launischen Kapital- und Optionenmarkt zu akkumulieren, geschieht die Investitions-Finanzierung und Kontrolle (langfristig) über (feste) Banken.
- Verringerter Wettbewerb: Schutz unterentwickelter Binnenmärkte durch tarifliche und nicht-tarifliche Hindernisse, wie etwa Kartellen und Absprachen.
- Industriepolitik: Administrative Lenkung und Kontrolle der Wirtschaft durch Staatsinvestitionen (goverment financing) und Verwaltungsanweisungen (gyōsei shidō).

Mit derartigen Methoden (die nicht immer erfolgreich waren und nicht auf alle Bereiche zustrafen) konnte Japan in den 50er und 60ern zweistellige Wachstumszahlen erreichen und international konkurrenzfähige Industrien wie Auto oder Elektronik aufbauen. Mit dem Platzen der „Blasenwirtschaft“ (1986-1991) wurde aber deutlich, dass unter der tollen Fassade die Japaner nicht nur mit Wasser gekocht haben, sondern sich auch ziemlich viel Schimmel angesammelt hatte. Und zwar nicht erst während der Blase, sondern schon seit der ersten Ölkrise (1973) und teilweise sogar davor. Der Niedergang war sozusagen in dem System schon vorprogrammiert.

Doch das wird ein andermal behandelt…

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