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Japanische Mythen: Der Selbstmord

Als Japanologe, fühlt man sich manchmal berufen, seine Ansichten mit der Welt zu teilen. Insbesondere Mythen über Japan zu zerstören. Heute über den Selbstmord, der ja geradezu assoziiert wird mit Japan:

Mittlerweile ist das ja fast schon Allgemeinwissen. Japaner hätten ein ganz besonderes Verhältnis zum Selbstmord, insbesondere die (scheinbar) völlig unterdrückten Schüler (1). Schon im Alten Japan hätte es eine Kultur des Selbstmordes gegeben, einerseits der (unfreiwillige) Ehrenselbstmord (harakiri) und andererseits der (literarische) Liebesselbstmord (shinjū). Daher hätte Japan heute eine der höchsten Selbstmordraten der Welt.

Prof. Kayoko Ueno von der Tokushima Universität befasste sich bereits 2005 in einem interessanten Artikel mit diesem Thema (2). In der Tat, wurde in Japan der Selbstmord lang Zeit verklärt. Und zwar um sich Phänomene der Vergangenheit für nationale Zwecke, z.B. um ein nationales Männlichkeits-Ideal zu schaffen, um zu funktionierten. Dem spielten die frühen Japanologen in die Hände, die versuchten das Exotische in Japan herauszufiltern. Anders als vielen christlichen oder islamischen Ländern hat es daher in Japan immer eine starke gesellschaftlich Sensibilisierung gegenüber Selbstmord gegeben.

Statistisch gesehen hat Japan drei Selbstmordwellen erlebt. Um 1958, 1986 und seit 1998. Interessanterweise liegt Japan trotz des derzeitigen Rekords international gesehen (3) „nur“ im oberen Mittelfeld. In Japan kamen 2004 auf je 100.000 Menschen ca. 24 Selbstmorde. In Weißrussland waren das 2003 im Vergleich dazu 35,1 Menschen auf 100.000. In vielen arabischen Ländern gibt es gar keine aktuelle Statistik, weil Selbstmord dort ein Tabu ist. Und in Deutschland (2004: 13) oder in den USA (2002: 11) ist der Selbstmörder im Zweifel dann doch durch Unfall oder Krankheit gestorben. Wer will hier schon einen geisteskranken Selbstmörder in der Familie haben. Man spricht ja lieber vom „Suizid“.

Schaut man sich nun die japanischen Selbstmord-Statistik (4) an, sind es weder Schüler im Prüfungsstress, noch überarbeitete Angestellte, noch gelangweilte Hausfrauen, die zum Letzten greifen. Die hätten eh alle keine Zeit, um an so was zu denken. Das Gros sind Männer zwischen 50 und 60. Ein Alter, in dem die „lebenslang beschäftigten“ Angestellten bevorzugt „restrukturiert“ bzw. pensioniert werden. Diese Männer fallen nicht selten in ein soziales und finanzielles Vakuum. Sie erhalten weder Hilfe vom Staat noch von ihren durch unzählige Überstunden längst entfremdeten Familien. Im günstigsten Fall lässt sich die Frau scheiden und Mann darf dann bis zur Einsetzung der staatlichen Rente (mit 65) nachts Baustellen beleuchten. Im schlimmsten Fall legt ihm die Familie unauffällig nahe, doch bitte die Lebensversicherung „einzulösen“, um etwa den Kindern die Flitterwochen zu finanzieren.

Zu Hilfe kommen moderne, anonyme Kommunikationsmittel, wodurch sich Todeskandidaten gemeinsam die Entscheidung „erleichtern“ können, samt hilfsbereiten Kommentaren in einschlägigen Internet-Foren, a la „Geh sterben, Noob!“. Zumindest dagegen wird nun offenbar vorgegangen (5).

Doch das ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Zwar hat sich die Wirtschaftssituation verbessert und die Selbstmordzahlen trotz zunehmender Personen im fraglichen Alter stabilisiert (2000: 24,1), doch angesichts der bevorstehenden Pensionierung der so genannten „Baby-Boomer-Generation“ und einer Abkühlung der Weltwirtschaft könnte es vielleicht doch noch zu einem Super-Gau kommen (6).

Staatliche Auffangnetze, wirtschaftliche und soziale, und eine angesichts der Bevölkerungsentwicklung sowieso angebrachte Reform der Beschäftigungssysteme und Rente sind daher dringend notwenig. Nicht nur um einen „sozialen Massenmord“ zu verhindern, sondern auch für diejenigen, die mutig genug sind, diesen Schritt nicht zu gehen.

(1) http://search.japantimes.co.jp/cgi-bin/ed20070615a2.html
(2) http://www.espacoacademico.com.br/044/44eueno_ing.htm
(3) http://www.who.int/mental_health/prevention/suicide_rates/en/index.html
(4) http://www.who.int/entity/mental_health/media/japa.pdf
(5) http://www.heise.de/newsticker/meldung/99876/
In einem selbstlosen Selbstversuch wurde die Phrase „しにたい“ (Ich will sterben) in Yahoo.jp eingegeben und der erste Treffer war eine höchst seltsame Seite (dying.jp), die sich „über das Unglück anderer lustig macht“... Erst die Kanji-Version (死にたい) führt einen auf die genannte Seite (www.ncnp.go.jp/ikiru-hp/nayandeirukata.html).
(6) Ein Schelm, der dahinter eine natürliche Konsolidierung der Rentenkasse vermutet… ;<

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